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VIA BALTICA 2016-12-14T22:06:23+00:00

Der Sommer schritt immer weiter voran

und so langsam kam ich selbst an einen Punkt,

wo ich nicht mehr nur vom Fahren träumen wollte.

Ich wollte wieder unterwegs sein,

mir die frische Luft um die Nase wehen lassen.

Während eines Treffens mit meinem Bruder Michael zeigte er Interesse mit zu radeln. Schon bald liessen wir unserer Phantasie freien Lauf und fanden uns an diversen Orten wieder. Die Ostsee, Rügen, der Ochsenweg und viele weitere Ideen kamen auf, in Deutschland gibt es noch so viel für uns zu entdecken. Ein wenig Meer sollte mit dabei sein, so viel stand fest. Beim Stöbern im „weltweiten Netz“ blieb unsere Aufmerksamkeit an einem alten Handels- und Pilgerweg, der „Via Baltica“ hängen. Die Route führt von Swinemünde in Polen über Hamburg nach Münster in Westfalen. Unsere Neugier war geweckt. Im März des Jahres durfte ich Sellin und Binz auf Rügen schneebedeckt, in Eiseskälte erleben. Wie mag es dort im Sommer aussehen? Warum starten wir nicht einfach in Binz? Die Anbindung an das IC Netz der Deutschen Bahn ist gegeben und wir können noch ein Stück Ostsee erleben. Einige Tage und Telefonate später wurde uns schnell bewusst, das unsere Träume lebendig werden würden. Unsere beiden Unternehmen gaben grünes Licht für den anvisierten Urlaubszeitraum. Was tun? Die Via Baltica in ihrer ursprünglichen Form fahren, oder auf Rügen beginnen? Wer einmal gepilgert ist wird schnell erfahren, dass es keinen vorgeschriebenen, nicht „den“ Weg gibt. Es gibt eine Richtung, es gibt Zwischenziele und einen Endpunkt. Was dazwischen liegt wird jeder selbst entscheiden und erfahren müssen. Fast wie im richtigen Leben, oder? Am 03. Juli saßen wir im ICE von Duisburg nach Binz auf Rügen, der größten deutschen Insel. Das Wetter war hervorragend, die Jugendherberge schnell gefunden.

Binz, die weiße Stadt, lud zu einem Rundgang ein

Wie wunderschön es sich jetzt präsentiert. Erst im März habe ich dieses Fleckchen Erde noch in eisigem Wind mit Schnee bedeckt erleben können. Welch ein Gegensatz! Ab an den Strand und erst einmal die Füsse in´s Wasser! Lange sollte dieser Spaß nicht anhalten, Wolken zogen in einer unheilverkündenden Geschwindigkeit auf. Uns blieb gerade noch etwas Zeit um in einem Kaffee an der Strandpromenade Unterschlupf zu finden bevor der Himmel seine Schleusen öffnete. Wir bekamen die Chance ein fantastisches Naturschauspiel bei einem Cappuccino zu beobachten. Ein kurzer Moment verminderten Regens bot uns das notwendige Zeitfenster in die nahe Jugendherberge zu gelangen. Ein Gewitter zog auf und ließ uns mit den Wünschen nach Sonne für die weitere Reise einschlafen. Ein Wunsch der in Erfüllung gehen sollte. Nach einem guten Frühstück machten wir uns bei bedecktem Himmel auf den Weg. Unser Tagesziel, Heringsdorf auf Usedom, wollten wir nachmittags erreichen. Vorbei am Jagdschloss Granitz über teils sandige Wege hielten wir uns zunächst Richtung Sellin, wo wir, dank eines engen Zeitplanes auf Radwege auswichen. In Baabe grüßte uns der „Rasende Roland“ mittels mächtigen, schwarzen Dampfwolken und hellem Pfeifen. Die wunderschöne, sattgrüne, recht hügelige Landschaft der Halbinsel Mönchsgut nahm uns auf. Am Fähranleger in Gager warteten bereits einige Radfahrer auf den Bordgang. Wir hatten uns für den ersten Tag genau die richtige Strecke zum Einfahren ausgesucht. Die Überfahrt nach Peenemünde, dem westlichsten Zipfel der Halbinsel Usedom, verlief ruhig. Während unsere Akkus an der Bordsteckdose neue Energie tanken durften, versorgten wir uns mit Kaffee uns genossen die Aussicht. Bereits bei der Einfahrt in die Peenemündung kann man die kriegshistorische Vergangenheit der Region erahnen. U-461 der ehemaligen „Baltischen Rotbannerflotte“ liegt besuchsbereit am Kai und erinnert an die sowjetische Besatzungszeit.

Der zweite Blick

Erst auf dem zweiten Blick erkennt man die wirkliche Bedeutung der Region. Als 1936 das Militär den gesamten nördlichen Inselteil erwarb mussten alle Bewohner den Bereich verlassen. Als Heeresversuchsanstalt und später als Marine- und Luftwaffenstützpunkt erinnert Peenemünde an glücklicherweise vergangene Zeiten. Erst 1993, mit Auflösung des Truppenstandortes wurde diese Region wieder bevölkert. Einige Bereiche sind heute noch nicht zugänglich und munitionsverseucht. Alte Funde geben Hinweise auf weitaus ältere kriegerische Schauplätze. Bereits um 1905 und später um 1936 gab das Land Zeugnisse aus der Wikingerzeit frei, die auf die Seeschlacht von Svold am 09. September 1000 schliessen lassen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit im Greifswalder Bodden stattfand. Nachdem wir anderen Radfahrern einige Fragen bezüglich unserer eBikes beantworten durften, führten sie uns freundlicherweise auf sehr gut ausgebauten Radwegen von der Bodden- zur Küstenseite der Insel, wo  wir zunächst  Karlshagen passierten. Ein nettes Café mit Meerblick lud uns zu einer kurzen Pause ein, die den weiteren Verlauf entscheidend beeinflussen sollte. Wir wollten weiter, was die Elektronik meines Rades anscheinend anders sah. Sie quittierte ihren Dienst mittels einer kurzen Fehlermeldung. Bisher hatten wir die Unterstützung des Motors nicht benötigt, aber auch Kilometer- und Geschwindigkeitsangaben waren von nun an, zumindest an meinem Rad hinfällig. Der weitere Wegverlauf entlang der Küste über Zinnowitz, Zempin und Bansin nach Heringsdorf sollte mir vermitteln, dass eine Küstenregion durchaus nicht flach ist. 146Kg Gesamtgewicht galt es von nun an durch Muskelkraft zu bewegen. Die zuvor eingebaute Rohloff Schaltung erwies mir nicht nur treue Dienste, sie ermöglichte mir erst das weitere Vorankommen. Dank passend gewähltem Ritzelpaar stand mir eine ausreichende Übersetzung mit 14 gut abgestuften Gängen zur Verfügung. Eine Wohltat zur serienmässig montierten 10fach Schaltung. Je weiter wir voran kamen zeigte mir die Region ihre wundervoll rundlichen Formen mit all ihren abwechslungsreichen Reizen. Moore und Küstenstreifen wechselten sich mit künstlerischen Live-Vorstellungen ab. Es ist begeisternd und anscheinend wegweisend diesen kreativen Menschen bei der Arbeit zuzusehen. Als da wären z.B. ein Motorsägenkünstler, der vor Publikum lebensgroße Skulpturen aus dem Holz zu Leben erweckt, oder habt Ihr schon einmal dem Tod an der „Kette“ gehangen?

Jugendherberge Heringsdorf

Wir erreichten die Jugendherberge Heringsdorf erst gegen Abend. Es war einfach zu verlockend die Seele noch ein wenig am Strand baumeln zu lassen und die architektonische Baukunst des Ortes zu bewundern, anstatt sofort in´s Bett zu fallen. So durften wir noch einen herrlichen Sonnenuntergang erleben. Der nächste Tag führte uns nach Swinemünde und dort zunächst zur Kirche „Stella Maris“, dem eigentlichen Beginn unserer Reise. Ein grenzüberschreitender Pilgerweg, die Via Baltica, aus Polen kommend mit Richtung Münster (Westfalen), wird hier fortgeführt. Bevor wir uns auf den Weg machen schauen wir uns in Swinemünde ein wenig um. Als ehemalig drittgrößtes Seebad (seit 1945 gehört Swinemünde zu Polen) wird es neben Bansin, Ahlbeck und Heringsdorf, dank regelmässiger Besuche Kaiser Wilhelm II., als viertes Kaiserbad bezeichnet. Zahlreiche Festungsanlagen aus preussischer Zeit sind gut erhalten und eröffnen Einblicke in die Geschichte. Ein Besuch der Westmole mit ihrer Mühlenbaake, dem Wahrzeichen der Swinemünder Hafenanlage, lohnt sich. Regen kommt auf und für uns geht es zurück in den deutschen Teil von Usedom nach Kamminke, einem der ältesten Fischerdörfer auf Usedom. Für uns die Gelegenheit während einer kurzen Rast in der Fischräucherei fangfrischen Fisch zu geniessen. Der Regen hat nachgelassen und wärmenden Sonnenstrahlen Platz gemacht. Wir entschlossen uns dem Pilgerweg am Stettiner Haff entlang Richtung Usedom zu folgen. Ab hier führt der Weg über den wunderschönen Seeadlerdamm. Mit dem Rad nicht immer ein leichtes Unterfangen, da die Wege meist unbefestigt sind, wie ein Teil dieser Strecke auch. An manchen Stellen ist der Einstieg in den Weg kaum zu entdecken. Er führt zwischen Häusern hindurch, wo wir niemals mit einem Weg gerechnet hätten. Wir orientieren uns an den gelben Pfeilen. Ein unebener, breiter breiter Streifen am Feldesrand, ermöglicht nur langsames Vorankommen in der Mittagssonne. Niemals wieder werde ich Radkleidung in Signalfarben tragen, auch wenn sie die eigene Sicherheit noch so erhöhen. Was in der Stadt durchaus seine Berechtigung hat, verliert auf Feldwegen seine Bedeutung, kehrt sich gar ins Gegenteil! Tausende kleiner Fliegen und Mücken halten die Signalwirkung meiner gelben Jacke anscheinend für eine Einladung. So lange ich fahre ist alles halbwegs in Ordnung, aber wehe ich halte an! Schon kleben sie in Scharen an mir.

Wie ein Skelett aus Stahl

Wie ein Skelett aus Stahl erhebt sich die alte Karniner Hubbrücke aus dem Bodden. Die ehemalige Eisenbahnbrücke wurde, bis auf dieses Mittelteil, 1945 zerstört. Heute kämpft man für den Wiederaufbau und somit für eine durchgängige Eisenbahnanbindung nach Swinemünde. Wir verlassen Usedom über die Zecheriner Brücke. Ein Waldweg mit guter Steigung und sandigen Böden führt uns nach Pinnow. Dankbar nehmen wir den Schlüssel für die Pilgerherberge in Empfang. Durch die fehlende Unterstützung des Antriebes war der Tag war eine Herausforderung für mich. Wir schlafen müde, aber glücklich  in unseren Schlafsäcken auf dem Boden einer ehemaligen Scheune ein. Das Vorpommersche Festland hielt weitere Erfahrungen für uns bereit. Sandige Feldwege kosten Kraft und Zeit. Fest stand, dass die Elektronik meines Rades defekt war. Kein noch so geringes Lebenszeichen konnte ich ihr abgewinnen. Ein Telefonat mit dem Händler meines Vertrauens in Wermelskirchen brachte Klarheit. Der Motor sollte in Bad Doberan getauscht werden. Alles sei geregelt und vorbereitet, ich solle mich nur beim entsprechenden Händler melden, sobald ich genau wüsste wann ich dort ankäme, so Alex, der Monteur. Bis dahin folgten Sandwege und 3 weitere Tage ohne Unterstützung… Nicht ganz! Mein Dank geht an meinen Bruder, der an manchen Stellen mitgeschoben hat, wodurch wir unseren Zeitplan halten konnten. Der sandige Untergrund wich durchnässten Waldwegen. Beide  forderten uns zu Schiebepassagen auf. Die mittägliche Rast verbrachten wir in der Gaststätte „Am Wald“ in Buddenhagen. Während uns der Wirt und Inhaber ein köstliches regionales Gericht servierte, berichtete er ausgiebig von seinen Erlebnissen aus „alten Zeiten“ der ehemaligen DDR. Nicht ohne Stolz präsentierte er uns seine Ferienwohnungen, die ideal für Radfahrer wie Erholungssuchende seien. Seine Tips liessen uns den weiteren Tagesablauf verändern. Wir wichen ein Stück von der Via Baltica ab. Der Rat war genau richtig! Zwar führte uns der Weg zunächst wieder über rutschige Waldwege, dafür wurden wir mit herrlichen Landschaften belohnt. Über Kröslin gelangten wir in das kleine Fischerdorf Freest von wo aus wir  nochmals eine herrliche Aussicht auf die Peenemündung und den Hafen von Peenemünde erhielten.

Das mittlerweile stillgelegte Kernkraftwerk Lubmin, besser bekannt als Kraftwerk Greifswald, passierten wir am frühen Nachmittag. 50 weitere Jahre soll dieser hässliche Komplex menschlicher Verirrung in das Atomzeitalter weiter bestehen um die radioaktive Verstrahlung abzubauen. Erst dann kann es, endlich, völlig abgerissen werden. Teile der Anlage sind bereits demontiert und in das angrenzende, ebenso umstrittene Zwischenlager Nord transportiert worden. Nur ein Stück weiter lädt der Sandstrand der Gemeinde Lubmin zum verweilen ein. Das Hotel Seeblick sorgt für Erfrischung direkt an der Promenade, während der „Wächter“, eine Skulptur von Andre Kalunga Peters, uns den Weg zu den Toiletten und gleichzeitig zur  Umkleide wies. Ein kühles Bad sorgt für die notwendige Erfrischung. Ein letzter Blick über den Bodden nach Rügen, dann müssen wir weiter und erreichen die alte Hansestadt Greifswald im Sonnenuntergang. Den Schlüssel zur Herberge bekommen wir in einer Studentenkneipe neben dem Dom. Die passende Gelegenheit sich mit Informationen zu versorgen und ein wenig zu entspannen. Am nächsten Morgen erhalten wir bei der Schlüsselübergabe vom Pfarrer einen Segen für Radfahrer. Wir bedanken uns und finden direkt um´s Eck eine Bäckerei für junge Biker. Dem deftigen Frühstücksangebot können wir nicht widerstehen. Wir verlassen die alte Universitätsstadt in Richtung Grimmen. Der Weg führt uns durch die Gemeinde Horst, welche bereits 1323 urkundliche Erwähnung fand. Die Festung Burg Ekberg diente den Fürsten von Rügen als landesherrliche Befestigung. Während einer kurzen Pause zur Flüssigkeitsaufnahme am Wegesrand entdeckten unsere schweifenden Blicke tatsächlich eine Gebäudemarkierung mit der Bezeichnung „Deutsches Reich“. So weit scheint das nationalsozialistische Gedankengut also gar nicht entfernt zu sein. Wir machen uns auf den Weg, lassen dieses etwas herunter gekommene Haus hinter uns, als unsere Nasen mit einem immer stärker werdenden Gestank penetriert werden. Als wir die nächste Kurve durchfahren entdecken wir den Verursacher. Eine Tierfarm, wahrscheinlich Geflügel, mit wartenden LKW´s, in welchem die armen Viecher wohl ihrer Bestimmung zugeführt werden sollen.

Dieser Geruch bleibt einem in der Nase!

Ekelhaft! Dieser Geruch bleibt einem in der Nase und vermiest jegliche Freude auf ein Stück Fleisch. Als wir weiter rollen, finden wir keine Wegmarkierungen mehr. Ein Blick auf die Navigations-App des iPhone verrät das die eigentliche Strecke parallel rechts von uns verläuft. Dennoch beschlossen wir dem Weg weiter zu folgen und später nach rechts abzubiegen, was uns gänzlich vom Weg abbrachte. Wir fuhren an Feldrändern entlang. Der Boden war teils mit tiefen Ackerfurchen versehen, die glücklicherweise längs zu unserer Fahrtrichtung verliefen. Links hoher Mais, rechts Korn. Hatte uns die Navigations-App auf eine Probe gestellt? Nein, der Verbindungsweg musste gleich kommen, bestätigte ein prüfender Blick auf das iPhone. Bevor wir diesen erreichten durfte ich meine eignen Grenzen nochmals erleben. Es war heiß, die Sonne brannte, kein Schatten, die Luftfeuchtigkeit war relativ hoch und der eben befahrene Ackerrand wechselte seine Beschaffenheit. Mais links, Wald rechts. Der Untergrund ebenso furchig, allerdings durchgängig mit wilden Gräsern und einer anscheinend endlosen Zahl von Kamillepflanzen bewachsen, die ihre ätherischen Düfte verströmten. Der eigene Schweiß lief am Körper hinunter. Diese Situation in einem Photo festzuhalten war selbstverständlich. Nur brachte jeglicher Stillstand weitern Schweiß hervor, bis es nahezu unerträglich wurde. So schön der Kamilleduft auch war, ich wollte hier weg, wollte Schatten. Meinem Bruder erging es nicht anders. Einige hundert Meter weiter erfüllte sich dieser Wunsch. Gleichzeitig erreichten wir auch den Verbindungsweg, der uns auf unseren Weg nach Grimmen zurückführte. Die alte slawische Stadt Grimmen ist Zeitzeugin einer bewegten Geschichte, wie die gesamte Region. Germanen, Slawen, Preussen, dänische wie, schwedische Epochen haben ihre Spuren hinterlassen. Der Fund von Erdöl liess die Stadt wachsen, das Stadtbild wurde saniert. Die Nat(o)uroase Birkenof, unser heutiges Ziel, erreichten wir am frühen Nachmittag, ein Umstand, den wir  nutzten, um unsere verschwitzte Kleidung durchzuwaschen. Der nächste Morgen verwöhnte uns wieder mit herrlichstem Sonnenschein. Zeit und Strecke nach Tribsees vergingen im Flug. Es war Montag und ein Anruf bei Zweirad Harder ergab eine Streckenänderung. Mein Motor war bereits am Samstag dort angekommen! Auf nach Rostock und zwar über Landstrasse, dann in den Zug nach Bad Doberan. Der Zweirad Experte war schnell gefunden, wir wurden freundlich begrüßt und mit Kaffe bedacht. Der Umbau dauerte keine Stunde, welche dank netter Konversation rasch verging. Dann ging es mit dem Zug zurück nach Rostock. Welch eine Wohltat die elektrische Unterstützung doch sein kann. Die letzten Tage hatten mich ziemlich gefordert.

Ohne Rohloff hätte ich, gerade auf diesen Feldwegen, wie wir sie gestern noch erleben durften, aufgegeben. Rostock war erreicht. Nach all den Tagen inmitten der Natur war uns diese Stadt zu hektisch und wir wollten weiter. Lediglich die Marienkirche mit ihrer historischen, astronomischen Uhr besichtigten wir, bevor wir abermals ein wenig von der Strecke abwichen um noch einmal an´s Meer zu kommen. Wir fuhren an riesigen Kränen der Hafenanlagen vorbei und entdeckten schließlich Schiffe mit Höhe eines Hochhauses. Warnemünde mit seinem Seehafen lag vor uns. Als die Sonne langsam am Horizont im Meer versank stärkten wir uns an der Strandpromenade mit griechischen Gerichten. Während wir assen wurden wir von einem Pärchen angesprochen. Nette Menschen aus unserer Heimat, welchen ich noch im letzten Jahr Räder verkauft hatte und nun traf man sich hunderte Kilometer von zu Hause entfernt wieder. Nachdem wir Börgerende erst nach 23 Uhr erreichten durften wir unser Zelt im Dunklen aufbauen. Ein Zustand den ich nicht mag, da ich gerne sehe wo ich liege. Die Nacht war ruhig und am nächsten Morgen konnten wir erst die ganze Schönheit der Lage und des Campingplatzes ausmachen. Top Sanitäranlagen luden zu einer Dusche ein, der Kiosk bot reichlich Auswahl für ein angemessenes Frühstück und die Akkus durften in der Rezeption ausreichend Energie tanken. Für uns war es der letzte Tag am Meer. Wir fuhren am Deich entlang und erreichten das Ostseebad Heiligendamm am frühen Mittag. Wir kamen in einen netten Austausch mit anderen Radreisenden. Weiter? Nein, eigentlich nicht wirklich. Gerne wären wir noch einige Tage am Strand geblieben. So liessen wir uns einige Stunden am herrlichen Sandstrand des ältesten Ostseebades treiben. Wir genossen Sonne und Abkühlung der Ostsee, bevor wir uns auf den Weg nach Bad Doberan machten. Heiligendamm, einerseits herausgeputzt und strahlend, andererseits direkt neben dem Grand Hotel und weissen Stränden langsam verfallene Bauten in direkter Strandlage. Jahre nach der Wende scheinen Eigentumsechte immer noch nicht geklärt worden zu sein. Schade. Auf dem Weg nach Bad Doberan begegnete uns Molli, eine altertümliche, dampfbetriebene Schmalspurbahn. Ein kurzer Zwischenstopp bei Zweirad Harder musste sein. Rückmeldung und dank wie super alles verlaufen ist. Mein Dank geht an dieser Stelle auch an Alex, der heute bei KT-BIKES arbeitet, der im Hintergrund alle Fäden gezogen hatte. Ebenso an Klaus, einem Mitarbeiter des Bosch Service Teams, welcher für den schnellen Ersatz sorgte. Danke! Das Doberaner Münster ist als eines der bedeutendsten hochgotischen Bauten Mecklenburgs einen Besuch wert. Die Bewerbung zur Aufnahme in das Weltkulturerbe der UNESCO läuft. Bedeutende Altäre, Schreine und kunstvolle Schnitzwerke gehören zum Schatz des Münsters.

Alt Karin, unser heutiges Etappenziel, mit seiner frühgotischen Dorfkirche erreichen wir am frühen Abend. Ein Ort der Ruhe und Stille. Wir werden freundlich empfangen und sind über die Ausstattung dieser Pilgerunterkunft angenehm überrascht. Neben Betten stehen ein Bad und Küche zur Verfügung. Der folgende Tag war erheblich kühler. Wir erreichten Wismar gegen Mittag und entdecken dort tatsächlich den „alten Schweden“. Wismar gehört zum Weltkulturerbe mit vielen Sehenswürdigkeiten. Wir liessen uns den Besuch der Heilgen Geist Kirchedurch Stempel in unserem Pilgerbüchlein bestätigen. Zur Kirche gehört das „Heiligen Geist Spital“. Kranke konnten bereits um 1323 Hilfe finden. Wer Wismar besucht und etwas sehen will sollte Zeit mitbringen. Wir müssen leider weiter.

Schönberg erreichen wir gegen Abend und erhalten auf dem Weg zur Pilgerunterkunft noch einen Landschaftsblick über langsam verfallende Hausdächer. An manchen Tagen spürt man  die Anstrengungen einfach mehr. Daher beschlossen wir die morgige Etappe auf befestigten Wegen fortzusetzen. Noch einmal zeigte die Region ihre Landschaftlichen Kurven, bevor wir den ehemaligen Osten der Republik verlassen und aus östlicher Richtung Lübeck durch das alte Burgtor erreichen. Flächenmässig ist Lübeck die größte Stadt Schleswig Holsteins. Der mittelalterliche Kern gehört zum UNESCO Weltkulturerbe. Wir fahren entlang der Trave, passieren den Marzipan Speicher und erreichen schliesslich das Holsten Tor. Wir machen einige Photos und verlassen wir das Wahrzeichen Lübecks die Hansestadt. Bis Duvenstedt sind es noch knappe 48 Km über Land. Wir bleiben kurz stehen um einen über die Wiese „stacksenden“ Storch zu betrachten. Bei uns in NRW kein alltägliches Bild. In Duvenstedt dürfen wir im Gemeindehaus der Cantate Kirche nächtigen. Wir schnappen uns noch einmal die Räder um den Tag bei einem Eis ausklingen zu lassen.

Entlang der Alster

Langsam rollen wir entlang der Alster, bewundern die alten Villen, teils preussischer Herkunft, bis sich uns ein herrlicher Blick auf Hamburgs Skyline eröffnet. Traumhaft! Die Freie- und Hansestadt Hamburg hat was! Es gibt so viel zu sehen… Alleine der imposante Bahnhof mit seiner beeindruckenden Bahnsteighalle. Mit bis zu 450.000 Reisenden täglich ist er der meistfrequentierte Bahnhof Deutschlands. Gegenüber des Bahnhofes führt uns eine kleine Seitengasse zum Hansaplatz. Hier gönnen wir uns im Cafe & Bistro Traumzeit eine kurzen Moment der Ruhe, bevor wir weiter, vorbei an Innenelbe, Rathaus und Michel ein Stück der Reeperbahn folgen. An der Davidswache biegen wir in Richtung Landungsbrücken ab. Der Tag schreitet langsam voran und ich habe keine Lust das Zelt wieder im Dunklen aufzubauen. Wir schauen uns nur kurz um und radeln Richtung Fischmarkt entlang der Elbe. Ein kurzes Stück weiter bietet die Elbe, nicht nur Einheimischen, einen herrlichen Sandstrand. Nach einer kurzen Schiebepassage, wieder zurück am Elbe Radweg entdecken wir den „Skylink“ mit seinem aufgeblähtem Bauch auf dem Airbusgelände. Das unförmige Teil erinnert an ein Space Shuttle und wurde für Transportaufgaben entwickelt. Wenig später erreichen wir das Elbe Camp, bauen unser Zelt auf und lassen den Abend gemütlich in einem kurzen Rückblick ausklingen. Das Elbe Camp bietet sich, als Oase des Wohlfühlens, mit seinem feinen Sandstrand eigentlich an länger zu verweilen, doch der folgende Tag bedeutete für uns zunächst den Terminplan einzuhalten. Es galt pünktlich in Wedel am Fähranleger zu sein um nach Lühe ans andere Elbufer überzusetzen.

98 Km standen bis Bremen auf dem Plan. Wir radelten auf dem Lühedamm. Kleine Dörfer mit teils alten Bauernhäusern flogen an uns vorbei. Aufgrund der Tageskilometer hielten wir uns auf Land- und Nebenstrassen. Der gelbe Pfeil, unser Wegweiser, begleitet uns. Harsefeld, Zeven, Tarmstedt, Lilienthal, die größeren Orte auf unserem Weg. Liebevoll gepflegte Gärten und weite Felder säumen unseren Weg. Am frühen Abend erreichten wir das Gelände der Stadtwald Camping GmbH. Auch an dieser sehr gepflegten und sauberen Anlage war das Laden der Akkus kein Problem. Zelt und eBike scheinen zusammen zu passen. Der Campingplatz bot sogar die Möglichkeit eBikes auszuleihen. Akkus zu laden stellte auf der gesamten Tour kein Problem dar. Wir hatten unsere Ladegeräte dabei und überall gibt es Steckdosen, welche uns stets freundlich und ohne Mehrkosten zur Verfügung gestellt wurden. An einem solchen Tag wie heute mussten wir selbstverständlich nachladen. Auch das ist keine Herausforderung. Gasstätten, Eiskaffees, Restaurants, egal was auch immer es war, niemals wurden wir abgelehnt. Im Gegenteil, stets fühlten wir uns wohl aufgehoben, stets gab es eine nette Konversation.

Ankommen in kleinen Schritten

Die folgende Etappe hatten wir bewusst kürzer gewählt. Lange Etappen eignen sich nicht, wenn man wirklich etwas von seiner Umgebung sehen möchte. Bremen erreichten wir am Vormittag. Bremens Wahrzeichen, die Stadtmusikanten, hatte ich mir wesentlich größer vorgestellt. Inmitten der Altstadt stehen sie. Bremen selbst liegt zu beiden Seiten der Weser und ist Freie- wie Hansestadt. Das 60 Km entfernte Bremerhaven gehört übrigens zu Bremen. Die Altstadt ist wunderschön und man braucht schon Zeit um wenigstens einige der vielen Sehenswürdigkeiten angemessen zu betrachten. So ist es nicht verwunderlich, dass wir Visbeck erst am Abend erreichen. Ein kleines Hotel, ein gemütliches Bett und eine warme Dusche erwarteten uns.

Über gut ausgebaute Radwege führte uns der Weg zunächst nach Osnabrück. Ein Kaffee in der Innenstadt musste reichen die leeren Akkus nachzuladen bevor es über Georgsmarienhütte nach Bad Iburg ging. Die Stadt ist anerkanntes Kneipp Heilbad und liegt mit Ihrem Schloss, einer ehemaligen Benediktinerabtei, am Rande des Teutoburger Waldes. Auf unserem Weg nach Ascheberg begleitete uns die Sonne den ganzen Tag. Je weiter wir uns Münster näherten, desto mehr Pferde konnten wir auf den Weiden beobachten, währen Bauern das Heu einfuhren. Münster mit seinem ebenso bekannten Münster war ein kurzer Zwischenstopp. Die Stadt war uns schlichtweg zu voll, zudem ist Münster durchaus ein beliebtes Ausflugsziel vieler Schulklassen, so auch damals bei uns.  Wir setzten unseren Weg nach Ascheberg fort. Im Hotel „Zum letzen Wolf“ traten wir die letzte Übernachtung dieser Tour an. Der Name ist Programm und so erzählen Geschichten vom letzten Wolfsjäger seiner Zeit. Was wäre wohl, wenn diese eigentlich scheuen Rudeltiere bei uns wieder heimisch würden? Würden sie wieder gejagt? Ich hoffe nicht. Frühstück. Wir liessen uns Zeit. Beiden wurde uns bewusst, dass dies unser letzter, gemeinsamer Reisetag werden würde. Wehmut machte sich breit. Bereits kurz nachdem wir Ascheberg verlassen hatten, nahmen wir die ersten industriellen Anlagen wahr. Ein unschöner Anblick, mit all dem Qualm, den sie in die Atmosphäre bliesen. Je weiter wir uns unserem Tagesziel, dem Dortmunder Hauptbahnhof näherten, desto schneller wurden wir. Mit jedem Kilometer den wir uns der Stadt näherten wuchs die Belastung an Lärm und Gestank. Vielleicht waren unsere Nasen einfach empfindlicher geworden, möglicherweise nehmen die Einwohner diese Belastung gar nicht mehr wahr. Für uns war es grauenhaft und wir waren froh der Situation durch eine Zugfahrt in Richtung meiner Heimat, dem Bergischen Land zu entkommen. Sicherlich sind auch hier industrielle Anlagen zu finden, die Luft ist aber bei weitem nicht so verpestet, was wir auf dem folgenden Wegabschnitt von Lennep nach Hückeswagen einstimmig feststellten. Eine gemeinsame Reise ging zu Ende, Veränderungen liegen vor uns. Michael wird ins Fränkische ziehen, da er dort einen guten Job bekommen hat, während ich im Bergischen bleibe. Ein Abschied auf Zeit. Wann und wo wir wieder einmal die Chance haben eine gemeinsame Reise per Rad unternehmen zu dürfen ist ungewiss. Sicher ist das es sie geben wird, so die letzten Gedanken an diese Zeit.

Fazit

Eine Reise mit dem eBike über weitere Entfernungen ist möglich. Mit Bosch Antrieb lässt sich ein Rad auch ohne Unterstützung wie ein normales Rad fahren, im Gegensatz zu den hinterradgetriebenen Modellen, die immer einen gewissen Widerstand bieten. Das Risiko eines technischen Defektes trägt man immer mit sich. Wer sein Rad in diesem Bewusstsein optimiert, z.B. durch entsprechende Übersetzung, wie dies bei der Rohloff Schaltung der Fall ist, kommt auch im „Pannenfall“ weiter. Zudem die Ersatzteilversorgung bei Bosch sehr gut ist, was bei Herstellern diverser Heckantriebe mit teilweise mehr als 6 Wochen Wartezeit bestraft wird. Den Akku nachzuladen ist keine Herausforderung mehr. Auf solch langen Reisen hat man sein Ladegerät dabei und kann sich an jede herkömmliche Steckdose ankoppeln. Wir wurden jedenfalls niemals abgewiesen. Stattdessen kam fast immer eine angenehme Konversation über die Reise, manchmal mit wertvollen Tips auf. Wer etwas sehen will sollte kurze Strecken planen. 50 bis 70 km sind als Tagesetappe vollkommen ausreichend.