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VIA REGIA 2015 2016-12-14T22:08:18+00:00

Deutschland auf historischen Pfaden

mit dem eBike von Polen nach Belgien

zu queren bietet auf 986 km zahlreiche

landschaftliche und kulturelle Genüsse – und

gleichwohl Gelegenheit für eine kleine Auszeit.

Fast ein Jahr ist vergangen seitdem ich unterwegs war. Irgendwie war es mir nicht möglich raus zu kommen. Der Alltag mit all seinen kleinen oder größeren Herausforderungen hatte mich einfach zu sehr eingenommen. Es wurde Zeit, ich merkte wie ich mich langsam aber sicher immer mehr über meine eigenen Grenzen hinaus verausgabte. Ich musste Abstand gewinnen, wieder zu mir selbst finden.

Pilgerwege sollen hierfür bestens geeignet sein. Ein eBike von Riese&Müller sollte mir zusätzliche Leichtigkeit verschaffen. Pilgern und eBike, geht das überhaupt? Warum nicht, dachte ich mir. Ein wenig Pilgerliteratur brachte Klarheit über den Weg. Am 16.Juli machte ich mich mit Giulio auf den Weg. Die beiden eBikes passten gut in den Kofferraum eines 3er BMW Touring, den wir uns bei Sixt für eine einfache Fahrt nach Görlitz geliehen hatten. Von hier aus folgen wir der Via Regia in Richtung Aachen.

Die über 1000-jährige Stadt an der Neiße mit ihrem eigenen Charme erreichten wir am Morgen des 17.Juli. Eine architektonische Mischung verschiedenster Epochen aus Spätgotik, Renaissance, Barock und Jugendstil laden zu einem erlebnisreichen Spaziergang durch die Geschichte in der Altstadt ein. Wo heute Brücken stehen ermöglichte in früheren Zeiten eine Furt die Neißequerung der Via Regia, welche  die Stadtentwicklung bis zum heutigen Stand erst ermöglichte. Von der Fußgängerbrücke bietet sich der Ausblick auf ein Stück polnisch-deutscher Geschichte. Genau hier beginnt unsere Reise quer durch Deutschland. Morgen soll es losgehen, bis dahin warten wir noch auf Dominic, der gegen Mittag mit dem Zug ankommt. Derweil packen wir unsere Räder aus, beziehen unsere Zimmer im Hotel Paul-Otto, einem freundlichen Hotel auf den Grundmauern aus dem 18. Jahrhundert inmitten der Altstadt und geben den Leihwagen zurück.

Der Zug erreicht Görlitz pünktlich. Der Bahnhof ist einen Besuch wert. Die alten Hallen vermitteln einen Eindruck aus längst vergangenen Zeiten. Wartesäle von spartanisch bis luxuriös deuten auf die offen gelebten Klassenunterschiede hin. Nachdem auch Dominics Rad im Hotel untergebracht ist, begeben wir uns auf eine erste Stadterkundung. Ein für die Region typisches Abendessen, vom Hotelier Paul-Otto persönlich zubereitet, mitsamt eines informativen Gespräches zu Stadt und Region lässt uns Kraft tanken für einen abendlichen Spaziergang auf der polnischen Seite der Neiße bevor wir dann erschöpft die ersehnte Nachtruhe genießen.

Mit Blick auf die Pfarrkirche Peter und Paul starten wir nach einer hervorragenden Nacht durch die Altstadt in Richtung Westen. Nochmals dürfen wir die Baukunst der verschiedenen Epochen und das Flair der Stadt genießen, bevor wir über die Heilig Grab Straße in Richtung Ebersbach die Stadt verlassen. Auf einem Feld zwischen Melaune und Buchholz wurde 1994 Geschichte geschrieben, als es zur Abraumhalde für atomaren Sondermüll werden sollte. Windräder erinnern heute an den erfolgreichen Kampf der Bürger und zeigen den Weg für erneuerbare Energie, ein Kreuz weist auf den Sieg des Lebens über den Tod, wo sich heute Menschen begegnen.

 Ein Moment der Unachtsamkeit lässt uns den Radweg verpassen. Über eine Holzbrücke folgen wir stattdessen dem Fußweg, welcher an dieser Stelle immer enger und unwegsamer wird. Giulio hat Pech. Irgendwie hat er es geschafft den Umwerfer seiner Schaltung in die Speichen zu bekommen. Aus. Für heute war der Weg zu Ende, zumindest ging es nun erst einmal zu Fuß weiter. Über Treppen erreichen wir Schloss Gröditz. In einem Nebengebäude befindet sich die Pilgerunterkunft „Refugio Santa Marta“ wo wir Unterkunft und Verpflegung finden. Die Kette wird gekürzt, Ersatz gibt es erst in Bautzen.
 Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns am nächsten Morgen auf den Weg. Es geht langsam voran.

Die Jakobsmuschel wird zum Symbol der Orientierung

Die gelb blaue Jakobsmuschel dient uns zur Orientierung, während Weg und Landschaft uns bei herrlichstem Sonnenschein eine schier unendliche Weite präsentieren. Während wir durch kleine verträumte Dörfer radeln, weisen zweisprachige Verkehrsschilder auf die historische und heute noch aktuelle Bedeutung der sich nähernden Stadt Bautzen als Hauptstadt der Sorben hin.

In unmittelbarer Nähe zum Stausee Bautzen schlagen wir heute auf einem hervorragend ausgestattetem Campingplatz unsere Zelte auf. Sonntags haben die Geschäfte nun mal geschlossen und das ersehnte Ersatzteil kann erst am nächsten Tag organisiert werden. Wir beschließen Bautzen mit seiner herrlichen Altstadt einen Besuch abzustatten.
 Einen Ausschnitt deutscher Geschichte spiegeln die beiden Gefängnisareale wider, in welchen auf unmenschliche Weise im gelben Elend (Bautzen 1) und dem Stasigefängnis (Bautzen 2) Strafvollzug betrieben wurde. Bautzen 1 wurde als Straflager der sowjetischen Besatzungsmacht eingerichtet, während Bautzen 2 für Staatsfeinde der DDR geschaffen wurde.
 Am folgenden Morgen holt uns das Glück wieder ein. In Nachbarschaft zum Campingplatz finden wir das begehrte Ersatzteil in einem Fahrradfachgeschäft, welches Dank der fachlichen Qualifikation meines Sohnes Dominic als Zweiradmonteur auch gleich montiert wird. Uns führt der Weg zum Milleniumsdenkmal. 2000 errichtet stellt es die beiden Brüder Cyrill und Methodius in Ihrer Aufgabe als Missionare christlichen Glaubens in der Oberlausitz dar.

Der Weg stellt sich als Herausforderung dar

Die Konstellation unseres „Dreierteams“ passt nicht so richtig. Giulio zieht es am liebsten vor in Hotels mit warmer Dusche zu nächtigen. Die Zelterfahrungen hatte er sich einfach anders vorgestellt. Dominic hatte es mit einem einspurigen Anhänger, in welchem er ein Zelt und Zubehör verstaute, gut gemeint, allerdings erwies er sich als zusätzliche Last, die es zu bewegen gilt. Zudem ist er mit einem Motor der Bosch Active-Line Serie schwächer ausgestattet als Giulio und ich, die je mit einen Performance Line Motor unterwegs sind. Tauschen war nicht möglich, da unsere Delite Räder nicht für den Betrieb eines einspurigen Anhängers zugelassen sind.

Wir pausieren im Kloster Marienstern und setzen bei Sonnenschein unseren Weg fort. Gegen Mittag erreichen wir Königsbrück. Die Stadt erhielt ihren Namen durch die königliche Brücke über die Pulsnitz. Nachdem wir uns an der Muschelmarkierung orientierten und uns der Weg über Feld- und Waldwege führte, beschließen wir, uns für die zweite Tagesetappe an den Verkehrsschildern in Richtung Dahlen zu orientieren. Die Erfahrungen sind gespalten. Über Asphalt läuft es wesentlich besser, doch so manchem der vorbei rasenden Blechkistenbediener gehört schlichtweg der Führerschein aberkannt. Und das Klischee wird dabei voll bedient. Golf, Mercedes, BMW – man braucht nicht mehr zu sagen.

Wir passieren den Flugplatz Großenhain, welcher seine historischen Hinterlassenschaften präsentiert, während wir uns langsam der Elbe nähern. In Lorenzkirch sind die Ausmaße des Elbehochwassers von 2002 gut zu erkennen. Wer Zeit hat, sollte der Kirche einen Besuch widmen. Sie stand einst unter Wasser. Von hier aus bekommt man ein neues Verständnis von diesen gewaltigen Wassermassen. Ungleich friedlicher trägt uns die kleine Personenfähre für 1,70 Euro über den Fluss nach Strehla. An dieser Stelle, wo sich Jakobs-, Elbe Radwander- und Unstrut Radweg treffen, bekommt man eine Ahnung von der Schönheit des Elbe Radwegs und warum dieser zur Nummer eins gewählt wurde. Strehla lädt zu einer kurzen Pause mit bestem Kuchen und Kaffee ein.

Die Strecke ist, bis auf wenige Ausnahmen sehr gut gekennzeichnet. Ein Stück des Weges lässt die Befürchtung an einen platten Reifen aufkommen, manche Stellen sind mit scharfkantigem Füllmaterial aus Bauschutt und Ziegelabfällen ausgebessert worden. Wir erreichen die alte Kaiserstatt Wurzen schadlos und gönnen uns am Marktplatz eine kurze Pause, bevor wir am frühen Abend Schönfeld erreichen. Ein Erlebnis der besonderen Art erwartet uns. Die Pilgerherberge befindet sich in einem Seitengebäude der historischen Schlossanlage Schönfeld. Die installierte Beleuchtung, ein wolkenverhangener Himmel, der nur zeitweise etwas Mondlicht durchscheinen lässt und die unbekannten Geräusche aus dem nahen Park schaffen eine besondere Atmosphäre, während wir auf den Bänken vorm Schloss eine späte Brotzeit halten.

Wir erreichen Leipzig. Die Großstadt wirkt nach den letzten Tagen eher störend auf mich. Der Bahnhof ist der flächenmäßig der größte Kopfbahnhof in Deutschland und zählt zu den 21 Bahnhöfen der höchsten Bahnhofskategorie von DB Station & Service. Wir verlassen den letzten Großbahnhof des 19. und ersten des 20. Jahrhunderts und rollen weiter in Richtung Merseburg, eine der ältesten Städte im mitteldeutschen Raum. In einer kleinen Backstube will ich den Schlüssel in Empfang nehmen, erfahre, dass bereits mehrere Pilger anwesend sind und staune nicht schlecht, als wir vor einer Kirche stehen, welche sich als Unterkunft entpuppt. In Höhe der Orgelbühne stehen Feldbetten und bei Bedarf Matratzen zur Verfügung. Toiletten sind ebenso vorhanden wie Kaffeemaschine und Wasserkocher. Wir nächtigen mit sechs weiteren Pilgern. Schnell kommen wir ins Gespräch und einen regen Erfahrungsaustausch. Zu Fuß sei es noch einmal ein Stück weit entschleunigender als mit dem Rad. Ich will es in einer meiner nächsten Touren ausprobieren.

„Wieder etwas gelernt“

Nach einem guten Frühstück in der nahen Bäckerei verabschieden wir uns. Für manch einen ist der Weg in Merseburg zu Ende, andere ziehen weiter, wir besichtigen die mächtige Dom- und Schlossanlage. Der Dombesuch war seine Zeit wert und ist mit der Überschrift „Wieder etwas gelernt“ zu betiteln. Merseburger Zaubersprüche, alte Grabkammern, …., ein Stück Kulturgut.

Der Jakobsweg entpuppt sich als Vergleich zum Leben, ohne Wendemöglichkeit. Alles was man jemals getan, erlebt hat, steht geschrieben, unwiderruflich! Ich frage mich, warum man dann manche Dinge so unbedacht macht, während man andere einfach so hinnimmt.

Der gesamte Tag verläuft entspannt, ich rolle durch eine weitläufige Parkanlage mit tierischen Aussichten. Ein herrlicher Biergarten lädt zu Mittag ein, bevor wir uns das „Steinerne Album“ ansehe. Das 200 Meter lange und drei Meter hohe Felsenrelief im malerischen Weinanbaugebiet bei Großjena gilt als Geheimtipp, ebenso der Naumburger Dom, den wir kurze Zeit später erreichen.

Der Tag schreitet voran. Wir wollen Weiden noch erreichen und nutzen unser iPhone als Navigationsgerät. Für solche Zwecke ist es, mit entsprechender App ausgestattet, hervorragend geeignet. Nur, was dieses Gerät als Straßen ausweist, entpuppt sich in der Realität als waschechte Feldwege. Dass wir uns im Osten der Republik befinden, kann solch eine Frage der Wegdefinition nicht ausmachen, oder? In Weiden werden wir herzlichst empfangen! Nachdem wir unsere Zelte aufgebaut hatten werden wir mit Schaf aus Hausschlachtung und frischen Klößen versorgt! Welch ein kulinarischer Traum! Auch Giulio kommt mit einer heißen Dusche auf seine Kosten und kann dieses traumhafte Mahl als „neuer Mensch“ erleben.

Buchenwald

Bei bewölktem Himmel brechen wir auf. Für Giulio, der sich in den letzten Tagen einen richtigen Sonnenbrand auf den Knien zugezogen hatte, eine Wohltat. Buchenwald – dieses Mahnmal hatte es mir angetan. Ich kann mich mit diesem Teil der deutschen Geschichte nicht anfreunden und habe damit auch nichts zu tun, nicht einmal moralisch. Meine Zeit begann gut 22 Jahre später! Und dennoch wollte ich es mir ansehen. Ein grandioser Ausblick, begleitet von einem unguten, zugleich unbestimmten Gefühl in der Magengegend. Diesen Teil der Geschichte mit all der überlieferten Grausamkeit menschlichen Denkens und Handelns will ich nie erleben! Neben dem Mahnmal liegt die ehemalige Anstalt Buchenwald. Reste der Vergangenheit, wie das Krematorium mitsamt des unsagbaren Leichenkellers, treiben die Abscheu ins Gesicht. Ab auf die Räder und weg von hier. Schweigend fahren wir hintereinander bis Erfurt, kaufen ein und stellen die Zelte auf. Für den heutigen Abend trennen sich unsere Wege.

Irgendetwas berührt mich mitten in der Nacht. Bevor mir bewusst wird das es die eigene Zeltwand ist, welche sich im Sturm neigt, ist es taghell. Starkregen und Gewitter! Es knallt so nahe, dass ein verdammt ungutes Gefühl aufkommt! Wir überlegen diesen Ort zu verlassen, einen sicheren Unterschlupf aufzusuchen, doch wo soll der sein? Im näheren Umkreis befindet sich keinerlei festes Gebäude. 30 Minuten später ist der Spuk vorbei. Das Unwetter zieht weiter, wir schlafen ein. Zumindest glauben wir dies. Giulio hat in dieser Nacht kein Auge mehr zugetan.

 Der Morgen begrüßt uns mit leichtem Sonnenschein, als wäre nichts gewesen. Kaffee und ein Frühstück gibt es an der nächsten Tankstelle, und gegen Mittag tauschen wir unterhalb der Wartburg bei Eisenach erstmals die Pilgerführer aus. Ab hier verlassen wir den ökumenischen Pilgerweg und wechslen auf den Elisabethpfad mit Zwischenziel Marburg.
 Welch eine Entschädigung für den gestrigen Tag! Begleitet von herrlichstem Sonnenschein durchradeln wir eine landschaftlich traumhafte Gegend. Der Elisabethpfad gibt sich mit dem Barbarossaweg, Jakobsweg und dem Herkules Wartburg Radweg die Hand. Kommunikation ist auf diesem Teilstück Trumpf. Keine der angebotenen Adressen im Pilgerwegweiser ist erreichbar. So erhalten wir den Tipp für eine Privatunterkunft an einer Eisdiele in Waldkappel und werden freundlichst in Empfang genommen. Das heiße Wasser der Dusche spült den letzten Schweißfilm aus den Poren und macht fit für ein Spaghettieis mit Cappuccino. Welch ein Tagesende, welch eine Wende zum gestrigen Erleben!

Abweichung vom Weg

Die Muschel gilt als Wegweiser. Sie ist richtungsweisend, jedoch nicht zwingenden Charakters. Wie im Leben muss jeder seinen eigenen Weg finden und gehen. Als Radfahrer führt uns die Route an diesem Tag nach Fuldatal. Rohloff, Familienunternehmen und Hersteller der gleichnamigen legendären 14-Gang-Nabenschaltung, ruft zu einer Werksbesichtigung. Barbara Rohloff persönlich nimmt uns in Empfang und versorgt uns mit Kaffee. Marco Rauch erklärt den Aufbau der Nabe und führt uns durch die Produktion, bevor Dominic noch eine persönliche Widmung von „Bernie“ auf seiner Wunschpostkarte erhält. 99% Fertigungsanteil aus deutschen Landen! Jedes Teil der Nabe kann getauscht werden und macht die Rohloff unkaputtbar. Eigene Erfahrungen wie die gesammelten Geschichten an der „Wall of Fame“ lassen erahnen, warum man sich diese Nabe nur ein Mal im Leben kauft und von Rad zu Rad mitnimmt! (Infos unter www.rohloff.de)

 Wir radeln durchs Fuldatal unserer eigentlichen Route wieder entgegen. Es beginnt wieder zu regnen. Auf der Suche nach einer Unterkunft werden wir an eine Privatpension vermittelt. Eine nette Dame führt uns zu einer kleinen Wohnung, welche wir für uns alleine nutzen können.
 Mit Homberg (Efze) erreichen wir eine wunderbare Altstadt, welche durch ihre gepflegten Fachwerkhäuser sofort ins Auge fällt. Als Gründung darf das Jahr 1231 angenommen werden. Der Regen lässt ein wenig nach und das weitere Vorankommen über Neustadt nach Kirchhain erweist sich als zügig. Vom geschichtsträchtigen Ort Schröck, deren bandkeramische Funde auf eine erste Besiedlung ca. 3000 v. Chr. vermuten lassen, geht es über den Elisabethbrunnen, der vor ca. 400 Jahren durch Landgraf Ludwig IV erreichtet wurde, nach Marburg. Der hiesige Campingplatz bietet uns die Möglichkeit zur Unterkunft. Wir besichtigen die Marburger Altstadt.

Der nächste Morgen zieht sich. Keiner von uns kommt so richtig auf Touren, die Stimmung hat ihren Tiefpunkt erreicht. Im Schlossgarten steht der nächste Tausch der Pilgerführer an. Marburg verdankt seinen Namen dem Umstand des Grenzverlaufes zwischen dem Landgrafen Thüringen und der Erzbischöfe Mainz. Sehenswert sind vor allem die alte Universität und die Elisabethkirche, bevor es hinauf zum Schloss geht. Wir halten uns an die Jakobsmuschel und erleben einen Weg abseits jeglicher Straßen. Kälte und Regen machen uns ebenso zu schaffen wie die immer wiederkehrenden Anstiege. Durch das Dautphetal, dessen Namen der Daupthe, einem etwas mehr als 8 km langen Nebenfluss der Lahn, entspringt, erreiche ich Holzhausen mit seinen reichlich verzierten Fachwerkhäusern. Städte wie Oberdietenbach und Eibelshausen folgen. Das Diethölztal ist seit dem Mittelalter bekannt durch seine metallverarbeitende Industrie. Heute sind drei namhafte Betriebe dort ansässig, u.a. die Rittal GmbH & Co. KG, welche sich ihren Namen im Schaltschrankbau gemacht hat. Zu den ältesten archäologischen Funden (ca. 450 v. Chr.) im Tal zählt die keltische Ringwallanlage in Rittershausen.

Der Frühnebel steht noch in den Tälern als wir über die Erhebung des Rothaargebirges Hessen verlassen und Nordrhein-Westfalen im Siegen-Wittgensteiner Land erreichen. Wir lassen uns rollen und erreichen über Hainchen und Irmgarteichen Siegen. Das Großstadtgewusel ist heute nichts für mich. Es regnet weiterhin, so dass ich den Beschluss fasse, den weiteren Streckenverlauf etwas abzuändern. Über Freudenberg, dessen Burg bereits 1389 erstmals Erwähnung fand, erreichen wir die Grenzen des Bergischen Landes. Herrliche Aussichten und herbstliche Farben begleiten den weiteren Weg über Wildbergerhütte in Richtung Gummersbach. Der Name Wildbergerhütte erklärt sich nahezu selbst, wenn man im historischen Verlauf die Bedeutung im Erzbergbau, wie in der anschließenden Weiterverarbeitung erkennt. Beides, Verarbeitung wie Bergbau, sind längst Geschichte. Die weitere Strecke bis nach Marienheide wird dem Namen der Region gerecht. Anstiege und Abfahrten geben sich in dieser herrlichen Landschaft die Hand. Dass Gummersbach dessen Kreisstadt sein soll, lässt sich äußerlich nicht erkennen. Im Gegensatz zur Landschaft ist die Stadt schmutzig und grau. Die Decken der kaum vorhandenen Radwege sind durch Wintereinflüsse und mangelnde Pflege nicht befahrbar. Eine Kreisstadt ohne Vorbildfunktion. Wozu dann Kreisstadt? Weiter Richtung Norden ändert sich das Bild. Radwege sind vorhanden, und ab Marienheide folgen wir der neu entstandenen Route Wasserquintett. Der Nordkreis des Bergischen Landes hat mit dem Umbau der alten Bahnstrecke in die Radtrasse einen bedeutenden Schritt in die Zukunft getan. Wipperfürth gilt als älteste Stadt des bergischen Landes, gleichwohl die Nachbarstadt Hückeswagen fast 50 Jahre zuvor urkundliche Erwähnung fand. Ein Cappuccino am Marktplatz kennzeichnet die letzte Pause des Tages. Die letzte Etappe fällt leicht. Hückeswagen ist eine idyllische Kleinstadt und lädt mit verwinkelten Gassen, dem Schloss, der heimischen Gastronomie und rundherum viel Grün und Wasser zum Verweilen ein.
Das Wetter ändert sich. Es ist bewölkt, aber zumindest trocken. Auch Ortsbezeichnungen wie „Sonne“ ändern daran nichts. Während sich am Horizont bereits das nächste Etappenziel, der Kölner Dom, zeigt, radeln wir am Golfplatz Dreibäumen vorbei. Über „Habenichts“ rollen wir dem Bergischen Dom entgegen. Die ehemalige Klosterkirche war Teil der 1133 von den Zisterziensern errichteten Abtei Altenberg und fungierte u.a. als Grablege der Grafen von Berg. Altenberger Dom ist die gebräuchliche Bezeichnung, Eigner ist das Land Nordrhein Westfalen.

Die Großstadt wirkt störend auf mich

Während sich die Landschaft immer mehr in flacheres Terrain verwandelt, verschluckt uns das Gewirr der kommenden Großstadt immer mehr. Die Hohenzollernbrücke verbindet nicht nur die beiden Rheinufer. Tausende Schlösser, graviert mit Namen der „Entschlossenen“, symbolisieren deren Verbundenheit, während der Dom still über allem wacht. Ich lasse meinen Blick schweifen. Der Rheinauhafen mit seinen Kranhäusern als Verbindung zwischen Moderne und Geschichte, direkt am Rhein und gleichzeitig innenstadtnah, etwas weiter rechts der Dom. Mit Querung der Hohenzollernbrücke wird es eben. Wir folgen dem Rhein ein Stück aufwärts, genießen Aussicht und Flair Kölns. Ich verlasse die Stadt über die Aachener Straße, passiere den Melatenfriedhof und halten uns Richtung Düren. Alt trifft Neu. Sie leben parallel nebeneinander. Im Vordergrund sauber-erneuerbar, wenngleich nicht gerade elegant, dutzende Windkraftanlagen, im Hintergrund rauchend und qualmend die Braunkohle-Kraftwerke der RWE. Dazwischen Weite, Leben und Natur. Wir haben den Nordrand der Eifel erreicht.

Nordeifel

Der Abend verläuft anders. Schwermut macht sich breit. Morgen werden wir die letzte Etappe fahren. Ich habe mich an das Leben auf und mit dem Rad, als Nomade, gewöhnt, fühle mich wohl – leider geht das nicht allen so. Am folgenden Morgen sind wir früh unterwegs, passieren die Rur über die Johannesbrücke mit dem heiligen „Nepomuk“. Stadtnamen wie Gürzenich und Derichsweiler fliegen an uns vorbei. Hinter Schevenhütte liegt eines der ältesten preußischen Forstgehöfte im Rheinland. Über Vicht folgen wir der Kaiserroute in Richtung Kornelimünster mit seiner historischen Altstadt. Äußerlich zeigt sich die großartige, ehemalige Abteikirche in einer barocken Bauweise. Alle sieben Jahre, zuletzt im Jahr 2000, werden hier drei Tücher, welche Jesus zugesprochen werden, gezeigt: Fußwaschungstuch, Grabtuch, Schweißtuch. Eine Pause im Café stärkt für die weitere 10 km-Etappe nach Aachen. Eine Dombesichtigung ist empfehlenswert! Als einmaliges Zeugnis abendländischer Baukunst wurde der Aachener Dom als erstes deutsches Denkmal bereits 1978 in die Liste der UNESCO-Weltkulturgüter aufgenommen. Die Krönungskirche von über 30 deutschen Königen und Begräbnisstätte Karls des Großen ist Zeugnis einer über 1000-jährigen Geschichte.
Der letzte Abschnitt – mit einem Kloß im Hals verlassen wir Aachen über die Lütticher Straße. Gedanken an die vergangenen Tage laufen vor meinem inneren Auge ab. Das Ende dieser Tour wird mit Erreichen der belgischen Grenze erreicht sein. Ich könnte einen Umweg fahren, gar nicht erst in den Preußweg einbiegen,… Regen setzt ein und schiebt meine Gedanken erst einmal zur Seite. Ich pelle mich in die Regenkleidung und konzen-triere mich auf den Weg. (Preußweg, Preuße = Einfassung, Grenze) Ab dem Forsthaus Adamshäuschen wird der Weg steiler, geht als gut ausgebauter Waldweg weiter. Zahlreiche Kreuze am Wegesrand begleiten diesen über 250 Jahre alten Prozessionsweg über die Grenze hinweg bis ins belgische Moresnet. Panzersperren aus Beton deuten auf die nahe Grenze hin. Und dann liegt es plötzlich vor dir. Ein kleines Holzschild weist auf königliches Hoheitsgebiet hin. Belgien ist erreicht. Nach 986 km, nach 16 Tagen, ist unser Weg – zumindest dieser – zu Ende. Es hört auf zu regnen, und uns bleibt nur noch der Weg zurück nach Aachen. Am Bahnhof nimmt jeder seinen Zug, welcher uns nach Hause bringt.
Pilgern und eBike vertragen sich sehr wohl. Während das eBike Leichtigkeit bringt und Wege bedenkenlos gefahren werden können, kann der Pilgerweg zunächst schwer werden, bevor auch er zu innerer Leichtigkeit führt. Eine Kombination die sich gut ergänzt.

Das Delite von Riese und Müller mitsamt Rohloff Schaltung ist ein hervorragendes Tourenrad, welches durch seine Vollfederung das Radreisen nochmals deutlich angenehmer gestaltet und den Rücken vor nahezu jeder Unebenheit verschont! Ein echter Kauftipp! Infos zum Rad gibt es unter 
www.r-m.de.